Mittsommernacht

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Wie will man beschreiben, wie der Regen fällt? Wie will man erzählen, wie die Schwalbe fliegt? Wie will man in Worte fassen, wie der Mond aufgeht? Wie wollte man schildern, wie Christian Elin und Maruan Sakas aus dem gemeinsamen Musizieren ein Weltbild entfalten? Es passiert einfach.

Eigentlich wäre damit alles zur zweiten gemeinsamen CD des Saxofonisten und Bassklarinettisten Christian Elin und des Pianisten Maruan Sakas gesagt. Von hier an ist das Ohr gefragt. Denn die Klangwanderungen der beiden Vollblutmusiker – mal durch verschlungene Innenwelten, mal durch offene Klanglandschaften – erzählen ihre eigenen Geschichten. Egal, wie und womit man sozialisiert ist, diese Musik weckt sofort das Gefühl von etwas Vertrautem, weil die beiden Protagonisten auf Anhieb den Zugang zum Hörer finden. Sie vollbringen das seltene, aber in diesem Fall ganz und gar organische und überhaupt nicht angestrengte Kunststück, den Hörer nicht aufzufordern, sich auf die Musik einzulassen, sondern sie lassen sich vom ersten Ton an auf den Hörer ein. Diese Songs kann man riechen, zwischen den Fingern reiben oder durch sie hindurch laufen und sich nasse Füße holen. Man kann sie in Farben kleiden oder zu ihnen Texte assoziieren.

Wer jetzt denkt, das Duo würde nach einer Art kleinstem gemeinsamem Nenner suchen, liegt falsch. Es ist das glatte Gegenteil. Beide Musiker haben zwar einen klassischen Background, ihre musikalischen Vorlieben sind jedoch so vielfältig wie die Musik dieses Programms: So hört man bei Christian Elins fulminanten Vierteltonklängen auf der Intro zu "Istanbul" gleichsam den Muezzin singen, bei "Dancing with dolphins" mischen sich feine impressionistische Klangfarben hinzu. Maruan Sakas bezieht sich in den Maqamat seiner Komposition "Maurisch" musikalisch auf seine arabischen Wurzeln und zeigt in "Rhythm Changes!" wie man selbst einem Klassiker des Jazz noch neue Seiten abgewinnen kann – indem man 7/8 und 4/4-Takt einfach übereinander legt. Es entsteht immer etwas Neues, wenn Elin und Sakas zusammenfinden, in dem ihre jeweiligen Erfahrungen sich zu etwas im wahrsten Sinne des Wortes unerhört Vertrautem verweben. Ohne flach zu werden, zelebrieren sie die Schönheit in der Musik. Diese Klarheit hat bei ihnen einen überaus narrativen, teilweise auch visuellen Charakter. Sie wirft Erinnerungen in die Zukunft und wird so zur zweiten Haut, die Musiker und Hörer verbindet.

Jedem der Stücke des Programms liegt eine andere ureigene Entstehungsgeschichte, eine andere Intuition zugrunde. Diese zu verbalisieren, hieße den Songs einen Teil ihres Zaubers zu nehmen. Was sie bei aller Unterschiedlichkeit gemeinsam haben, ist die strukturelle und intuitive Fähigkeit zum Wandel. Es sind fließende, fliegende Prozesse, die ohne Brüche auskommen.

„Mittsommernacht“ ist nicht weniger als eine musikalische Utopie. Ein variabler Sehnsuchtsort, ein mobiles Zuhause und zugleich auch ein eingelöstes Versprechen. Etwas im positivsten Sinne erfrischend altmodisch nach vorn Blickendes, das im rasenden Taumel der unentrinnbaren Digitalisierung und Anonymisierung der Gesellschaft einen Moment des individuellen Innehaltens ermöglicht.

Wolf Kampmann

Erste Programmhälfte

Maruan Sakas: ECMS
Maruan Sakas: Maurisch
Christian Elin: Dancing with dolphins
Maruan Sakas: Rhythm Changes!

Zweite Programmhälfte

Christian Elin: Mittsommernacht
Christian Elin: Hymn angevin
Christian Elin: Istanbul
Maruan Sakas: Die Mücke

 

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